Nachträge

Seit meiner Ankunft in Langenthal ist einiges geschehen:

Ich hatte eine sehr schöne, lange und anspruchsvolle Etappe nach Sibiu, dort ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten, mit der ich am Grab ihres vor kurzem verstorbenen Mannes beten durfte, und eine anschließende kurze Wanderung nach Boita – das liegt im Tal, das die “Tatris”, die Südkarpaten, in Nord-Süd-Richtung durchschneidet und damit in der Mitte teilt. Dort hatte ich zum ersten Mal Erfolg bei einer orthodoxen Einrichtung: Die Frau (sie ist kaum älter als meine älteste Tochter) und der Sohn des Popen, der den Dolmetscher machte, ließen mich ins Haus und bewirteten mich, und als der Pfarrer selbst kam (auch er jung: zwei Jahre älter als seine Frau), wurde ich von ihm herzlich begrüßt und – ins Motel gefahren. Anderntags gegen 7:00 Uhr war er wieder da, um mich zum Frühstück bei der Pfarrersfamilie abzuholen!

Gegen 8:00 Uhr ging ich los. Knackige -17°C und sanfter Rückenwind ließen mich gut voran kommen. Nach etwa zwei Stunden konnte ich die Europastraße verlassen, und bald ging es auch ein Stück weit in die Berge. Gegen 15:00 Uhr fragte ich dann in einem “Magazin Mixt” nach der “Kirchensituation” auf den nächsten zehn, fünfzehn Kilometern – und musste unerfreuliches hören. Aber im Nachbarort, da gebe es zwei Klöster. Also machte ich mich auf, in der Tasche nicht nur meinen Pilgerbrief, sondern zusätzlich das Empfehlungsschreiben des orthodoxen Priesters von Boita.

Das sehr weitläufige Dorf in den Bergen verlangte mir deutlich mehr als eine Stunde Fußmarsch ab bis zum ersten Kloster. Und dort war man sich nicht recht einig – die Zeichen standen aber von Anfang an negativ. Als ich bald darauf meinen Rucksack schultern wollte, hieß es aber, ich solle warten.

Das habe ich getan. Der schlechten Verständigung war es wohl geschuldet, dass ich nicht mitbekam, worauf genau und wie lange ich warten sollte… Nach einem Gang in die Kirche und zurück mit zweien der Mönche fragte man mich schließlich, ob ich etwas zu essen wolle. Dankbar nahm ich an, und nach einiger Zeit des Wartens im Refektorium bekam ich ein reichliches Essen. Ich war froh: Es schien ja hier doch noch alles gutzugehen!

Und dann – die Sonne war gerade untergegangen – verabschiedete man mich und wünchte mir gute Reise…

Eieiei! So kann man sich täuschen… Nun musste ich mich sehr beeilen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit am zweiten Kloster anzukommen. Dort allerdings war ich als Übernachtungsgast noch weniger willkommen als im ersten: Es war ein Nonnenkloster mit sehr strengen Regeln… Immerhin gab es dort jemanden, der Englisch sprach – anders als ich es im Mönchskloster erfahren hatte. Diese Nonne hätte mich allerdings ohne weiteres wieder losgeschickt. Ihre dabeistehende Schwester aber war entschieden anderer Auffassung: Ihr war es zu verdanken, dass ich nicht nur den Hinweis bekam, wo ich ein Motel finden würde (rund 10 Kilometer weiter auf der Europastraße…), sondern auch noch das Geld mitbekam, das eine Übernachtung kosten würde. DANKE!

Dennoch war ich – wie soll man sagen: niedergeschlagen-zornig? Den endlos erscheinenden Weg Richtung E81 stieß ich mehrmals unwillkürlich einen sehr unfrommen Ruf aus… Schließlich sammelte ich mich, besann mich und begann, vor mich hinzusingen.

Als ich gerade bei “Wer nur den lieben Gott lässt walten…” war, kam ich an einigen Häusern vorbei. Und plötzlich bemerkte ich, dass da nicht nur Licht, sondern sogar jemand im Hof zu sehen war. Ich hielt an, grüßte und versuchte, die alte Frau, die dort rauchte und telefonierte, dazu zu bewegen, meine Papiere zu begutachten. Die reagierte aber nicht so, wie ich es gern gehabt hätte. Schließlich glaubte ich zu verstehen, dass sie sich bei ihrem Gesprächspartner darüber beschwerte, dass ich immer noch an der Gartentür stand… Und dem Tonfall nach wandte sie sich jetzt wohl an mich und brachte zum Ausdruck, dass ich verschwinden solle. Ich schickte mich also an, meine Briefe wieder einzustecken – da bemerkte ich, wie aus dem Dunkel ein Mann im Feinripp-Unterhemd auf mich zu kam.

Nein, er bedrohte mich nicht, und geschlagen hat er mich auch nicht: Er lud mich ins Haus gegenüber ein, und er und seine Frau versorgten mich mit allem, was ich für den Abend brauchte! Leider war es außer in der überheizten Stube im ganzen Haus sehr kalt. Im Badezimmer musste man ständig das Wasser laufen lassen, um ein Einfrieren der Leitung zu verhindern… Das Haarewaschen fiel an diesem Abend aus.

Morgens begleitete mich Dan, mein so überraschender Gastgeber, noch bis zur Europastraße. Dass ich da garnicht hinwollte und sie auch so bald wie möglich wieder verlassen habe, hat er garnicht hören wollen…

Spät nachmittags bestätigte sich dann gleich nocheinmal die Erfahrung, dass weder mein rumänischer Pilgerbrief noch das Schreiben der orthodoxen Kirche in Boita Wunder wirken können (“The letter – this is nothing!”). Der weitere Verlauf ist unter dem Beitrag “Prinzipientreue…” nachzulesen.

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