Kirchenchor

20.12.2016. Meine erste Etappe hinter Breslau führte mich nach Brieg/Brzeg. Bis ich dort angekommen war, hatte ich eine bewegte Tagesreise hinter mir:

Zunächst ging ich in Breslau die Krakowa entlang, eine stark befahrene Ausfallstraße mit vielen alten Häusern, die dort sicher schon zu Zeiten standen, als meine Mutter noch in dieser Stadt zuhause war.


Dann kam der sehr langgezogene Vorortbereich mit zahlreichen Idustrie- und Gewerbeansiedlungen. Und dann freie Strecke – jetzt ohne Fuß- oder Radweg, aber mit bedingt begehbarem Seitenstreifen.

Ich hatte meine Etappe mit Turnschuhen begonnen. Die Straßenstrecke in ihrer ganzen Hässlichkeit hatte ich aus drei Gründen gewählt: Zum einen, weil ich mir die Chance auf eine Ankunft in Auschwitz noch vor Weihnachten erhalten wollte – das sprach für den kürzesten Weg. Dann auch deshalb, weil mir niemand den genauen Verlauf des Jakobswegs weisen konnte, den es von Krakau nach Breslau geben soll. Und schließlich durfte der Weg als Bußgang ja durchaus ein herausfordernder sein… 

Apropos: Nach 20-22 Kilometern hatte ich sehr deutliche Schmerzen im Beugersehnenbündel des rechten Fußes. Der Wechsel auf Stiefel brachte zunächst keine Erleichterung, und langsam, aber sicher entstand bei mir der Eindruck: Das wird ein neues “Frankfurt/Odterloo” für den selbsternannten großen Feldherrn des persöhnlichen Dschihads… Dennoch bin ich ersteinmal so weitergewackelt.

Nach 5-10 km Stiefellauf besserte sich die Lage aber allmählich doch noch: Hoffnung keimte auf, und wie um mein Glück noch zu steigern, entließ mich Google Maps erst in eine ruhige Wohngegend und dann auf einen einsamen Waldweg. In der tiefsten Dämmerung und ohne einer Menschenseele zu begegnen, wanderte ich dem noch neun Kilometer entfernten Brzeg zu – herrlich! Der Gras- und Erdweg war zwar nach wenigen Kilometern von Holzrückegerät komplett zermatscht, aber erstaunlicherweise konnte ich noch ganz gut erkennen, wo ich hintrat. Als das nächste Dorf in Sicht kam und der Weg wieder besser wurde, war ich aber doch erleichtert – die ganze Reststrecke auf solche Weise zu bewältigen, wäre doch schwierig gewesen. Und als jetzt auch noch Sterne am Himmel sichtbar wurden, war das ein echtes Highlight im doppelten Sinn: den ganzen Tag über war es so trüb gewesen, dass man keinerlei Himmelsrichtung erahnen konnte!

In Brzeg war die Kirche leicht zu finden. Von dort  wies man mir den Weg zum Pfarrhaus. Ich habe wohl nicht ganz das richtige Haus erwischt, denn schließlich landete ich dort, wo der Kirchenchor sich gerade anschickte, zu proben. Der telefonisch kontaktierte Oberpfarrer war von dem Ansinnen, einen Pilger bei sich oder im Gemeindehaus aufzunehmen, wohl nicht amüsiert. Also bot mir eine gut deutsch sprechende Frau mittleren Alters an, mich bei ihrem Mann und ihr im Haus nächtigen zu lassen.
Ich war sehr erfreut und ließ die Chorstunde gern über mich ergehen. Danach gabs dann eine kleine Überraschung:  Der Chor hatte gesammelt und brachte mich in einer nahegelegenen Pension unter. Sogar noch etwa 18 Sloty “Restgeld” bekam ich in die Hand. Warm und gut war das Zimmer dort, nur das Wasser war leider zu kalt. Und ein bisschen schade, dass es kein Abendbrot gab…

Was den Ausschlag gegeben hatte, dass das “Privatangebot” wieder zurückgezogen wurde, weiß ich nicht – vielleicht spielte ein ähnlicher Effekt eine Rolle wie bei Alexandra in Breslau: der “Mitbewohner” (hier also der Ehemann) könnte sein Missfallen zum Ausdruck gebracht haben.

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