Suddenly, I’m not half the man I used to be…

So kann’s geh’n: Jetzt bin ich doch mal krank geworden. Und hab mich grad kurz vorher noch darüber gefreut, dass das bisher noch nicht passiert ist!

Alles lief so schön: Nach einem Ruhetag in Polatli bin ich mit frischen Kräften gestartet. 43 Kilometer waren gut zu schaffen. Ich habe in einem kleinen Dorf übernachtet – Karapinar – , bin dort abends und morgens bestens verpflegt worden, und die anschließende Strecke ging sich auch gut an.

Nachmittags gegen 15:30 hatte ich eine Einladung nicht nur zum Tee, sondern auch zum Essen. Und zwar auf überraschend schnelle und direkte Art: Im Dorf hielt ein Auto neben mir, und der Fahrer fragte mich nicht, wie üblich, wo ich hinwolle und herkäme, sondern ohne Umschweife nach Cay und Yemek. Das habe ich, freudig angetan, bejaht.

Als wir dann im Hof seines Hauses saßen, an einer hübschen, hölzernen “Rastplatz-Bank”, dauerte es einige Zeit, bis das Essen auf dem Tisch war; Rührei mit Wurstscheiben, dazu Weißbrot. Ich griff herzhaft zu. Allerdings hatte ich mir ein Dorf als Ziel ausgeguckt, das noch 15 Kilometer entfernt war – allzu viel Zeit sollte ich jetzt nicht mehr mit Schlemmen verbringen…

Gegen halb fünf verabschiedete ich mich von meinen kurdischen Gastgebern, und es ging zügig die Hügel hinauf (seit ich Sakarya verlassen habe, befinde ich  mich in bergiger Umgebung). 


Irgendwann zwischendrin hatte ich dann den Gedanken: Das, was du da jetzt gerade spürst, kann man am ehesten eine Atembeklemmung nennen. 

Das war zunächst schnell wieder vergessen, und auch mein Ziel, Gözelyayla, habe ich noch in der Dämmerung erreicht; der Muezzin hatte vor wenigen Minuten gerufen, es war gegen 19:00 Uhr. Ich sah gerade einen Mann von der Moschee aus über die Straße gehen und verschwinden. Ich beschleunigte meinen Schritt: wenn das der Imam war, bedeutete das, dass niemand zum Abendgebet gekommen war – und das wiederum verhieß nichts gutes für die Quartiersuche: Es wäre dann wohl nicht mit vielen bewohnten Häusern im Dorf zu rechnen gewesen (die meisten Dörfer stehen halb leer; die Bewohner arbeiten in Istanbul, Ankara oder im Ausland).

Als ich die dreißig, vierzig Meter zurückgelegt hatte, die mich von der Einsicht in die der Moschee gegenüberliegenden Straßenseite trennten, war von dem Mann nichts mehr zu sehen. Aber am Haus neben der Moschee befand sich ein alter Mann im Hof. Ich grüßte, und er kam ans Tor und las meinen Zettel aus Serefiye. Dann lachte er.

Ich habe wohl etwas irritiert, sicher aber fragend geschaut. Das hat er verstanden: Er winkte mich herein, verschloss das Hoftor und führte mich ins Haus. An der Tür informierte er seine Frau durch einen kurzen Ruf, und sie kam, mich zu begrüßen. Ich war erkennbar in kurdischem Territorium angekommen.

Das Abendessen fiel für mich etwas knapper aus – ich hatte das Gefühl, meine späte Mittagsmahlzeit noch nicht ganz verdaut zu haben.

Für die Nacht wurde ich ins Haus nebenan einquartiert. Das kannte ich schon, unter anderem von der Übernachtung am Vortag. Da allerdings hatte ich im Neubau geschlafen und meine Gastgeber im alten Haus; hier war es umgekehrt. Und: Es wurde hier leider nicht geheizt… 

Wenigstens gab es warmes Wasser. Aber: Die Toilette hatte keine gängige Spülung. Und da ich mich vor dem Duschen noch gründlich erleichtert hatte, hätte man mich jetzt splitterfasernackt eine gefühlte halbe Stunde lang zwischen Dusche und Toilette mit dem Wasserkrug hin- und herrennen sehen können bei dem vergeblichen Versuch, in der Kloschüssel wieder klar Schiff zu machen…

Schließlich gab ich auf. Ich duschte, legte mich ins Bett, bloggte noch ein wenig mit immer kälter werdenden Fingern und holte endlich meinen Daunenschlafsack aus dem Rucksack: Damit wurde es dann schnell wieder gemütlich. 

Aber nur, was die Temperatur anging: Mein Magen meldete sich immer deutlicher und unbedingter, bis ich nach dem dritten “Flüssigaufstoßen” einsehen musste: Das wird so nichts mit dem Schlafen.

Kleiner Lichtblick am Rande: Die zwei, drei Stunden, die seit dem Duschen vergangen waren, hatten auch in der Toilette eine gewisse Wirkung getan. Wenige Wasserkrüge genügten jetzt, um Platz zu schaffen für das rückwärtsgegessene Abendessen…

Ich hatte ein wenig gehofft, anschließend selig schlafen zu können. Dem war aber nicht so: Ich fühlte mich auch weiterhin mau. Am Morgen war mir nicht nach Aufstehen zumute. Ich blieb liegen bis kurz nach acht, als meine Gastgeber die Haustür auf- und zumachten, um auf diese Weise diskret zum Aufbruch zu blasen.

Ich zog mich schnell in der Kälte an und fragte nebenan, ob ich noch kurz hereinkommen dürfe. Dem wollte man sich nicht verschließen, und als ich meine Lage verständlich gemacht hatte, bekam ich eine Wärmflasche – und die Nötigung, etwas zu essen, wurde deutlich reduziert.

Gegen 10:30 Uhr schlich ich dann vom Hof. Ich hoffte, beim Gehen würden sich die Lebensgeister schon wieder richtig sortieren. 500 Meter weiter an der Tanke hab ich dann aber die erste Stunde Pause eingelegt…

Auf meiner Strecke gab es diesmal zunächst wirklich kein Dorf, und zwar für 15 Kilometer. Die Temperatur war inzwischen auf angenehme Werte gestiegen, aber ein scharfer Gegenwind pustete mir die letzten Kräfte aus dem Leib. Ich habe mich zwischenzeitlich einfach auf den (weichen, warmen) Acker gelegt. 

Gegen 16:00 Uhr hatte ich mich dann die 15 Kilometer bis Bulduk geschlichen. Ich öffnete die Zauntür zur Moschee und setzte mich auf eine der Bänke dort. Ein oder zwei der bald eintreffenden Beter sahen das, sagen wir: distanziert. Zum Austausch war aber erst nach dem Gebet Zeit. Und jetzt wirkte mein Zettel des in Österreich arbeitenden Führerverehrers Abdul’vali Wunder: Man war angetan und zugänglich, und insbesondere die Bitte um Essen und Nachtlager im Namen Allahs fand Anerkennung. Fast alle in der kleinen Gruppe zückten das Portmonnaie, und ich hatte auf einen Schlag 75 Lira mehr in meiner Notkasse.

Ich bedankte mich natürlich artig – auch wenn das jetzt so gar nicht das war, wonach mir der Sinn stand. Die Charity war hier aber noch nicht beendet: Man signalisierte mir, ich solle mit einem der Anwesenden mitkommen, ich bekäme – etwas zu essen. 

Immerhin schadete das Geld nicht. Essen allerdings, soviel stand fest, würde ich heute nichts Wesentliches mehr können. Fast verzweifelt habe ich dann wohl auf die Stelle des Zettels gezeigt, auf der von Müdigkeit und einer Schlafgelegenheit die Rede sein soll…

Mitkommen sollte ich trotzdem.

Wir gingen um die Ecke in den Laden, dessen Besitzer mein Begleiter war. Ich durfte mich setzen, und mit Hilfe des Google-Translators gelang es mir dann, meine Lage zu verdeutlichen. Mein Gönner hatte verstanden: Er rief seinen Vater an, und der holte mich mit dem Auto das kurze Stück bis zum Haus der Großfamilie ab. Ich konnte dort duschen, es wurde mir angeboten, meine Wäsche zu waschen (Strümpfe und Unterhosen hatte ich allerdings gerade beim Duschen selbst schon durchgedrückt), und ich durfte gegen 18:00 Uhr ins Bett! Herrlich…

Das Bett selbst war ein ausgezeichnetes Schlafsofa, das wohl regelmäßig als Bett genutzt wird. In das baugleiche Möbel neben mir bettete sich gegen 21:00 Uhr der leicht schnarchende Hausherr. Das war aber nicht das eigentliche Problem; vielmehr hatte ich jetzt, nach etwa drei Stunden Schlaf, das Gefühl, gleich ersticken zu müssen, wenn nicht irgendwoher ganz schnell frische Luft käme. Meine Nase und mein Rachen waren ausgetrocknet, der Magen aber noch lange nicht auf große Trinkmengen eingestellt. Ich musste an die Flüchtlinge denken, die im Container oder Lieferwagen ersticken. Und: Ich erinnerte mich daran, dass ich als Kind bei starkem Fieber manchmal phantasiert habe. Das wäre jetzt wohl etwas unpassend…

Glücklicherweise war diese unschöne Zeit nach ein, zwei Stunden überstanden. Ich konnte schlafen. Und am Morgen konnte ich sogar wieder ein wenig essen.

Jetzt war auch ein ausführlicherer Austausch mit meinen Gastgebern möglich. Der Vater des Ladenbesitzers, 73 Jahre alt, spricht etwas Deutsch, sein 37jähriger Sohn nicht. Auch die Frauen im Haus sprechen nur türkisch und kurdisch – dass es sich um eine Kurdenfamilie handelte, war allein schon daran zu erkennen gewesen, dass die Frauen, auch die jüngeren Töchter, nicht versteckt wurden… Überhaupt hatte ich hier einen viel”europäischeren” Eindruck als bei so mancher meiner Stationen weiter nördlich und westlich: Angefangen bei den durchweg gut bis bestens in Schuss gehaltenen Häusern und den leeren, sauberen Höfen, über das Essen am Esstisch, bis zu den “deutschen” Toiletten (Sitztoiletten, sauber, mit Klopapier) und der in meinen Ohren viel vertrauter klingenden Sprache (obwohl ich natürlich noch weniger verstehe als das “Fastnichts”, mit dem ich der türkischen Sprache begegne) scheint mir alles viel westlich-zivilisierter zu sein. Dass auch die politischen Ansichten der meisten Kurden dem, was man in Mitteleuropa für erstrebenswert hält, deutlich näher kommen als das, was in der Türkei derzeit von Regierungsseite propagiert wird, unterstützt natürlich diesen Eindruck.

Mein Reiseziel, “Kudüs”, wird zwar auch hier hinterfragt, doch man hat nicht nur Verständnis, sondern zollt mir für den Einsatz für Völkerverständigung und Toleranz sogar Anerkennung, ja regelrechten Beifall.

Nach dem Frühstück gehen Vater, Sohn und der weitgehend wiederhergestellte Gast zusammen an die Hauptstraße – und der Vater hält ein Auto an. Aha, denke ich. Er will in den Nachbarort fahren, und man ist es hier gewohnt, sich gegenseitig mitzunehmen. Doch weit gefehlt: Er hat das Auto für mich gestoppt! Dabei hatten wir uns in aller Breite über meine Reise und besonders auch über das Pilgern zu Fuß ausgetauscht!

Manche Dinge scheinen wohl nur ganz, ganz schwer die Stelle im Menschen zu erreichen, an der sie wirklich verstanden werden können…

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Ein Kommentar zu Suddenly, I’m not half the man I used to be…

  1. Martin sagt:

    Dem Himmel seih Dank, dass du deine Krankheit so gut überstanden hast!

    In Liebe
    Martin

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